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Joseph von Görres
Publizist und Literaturwissenschaftler
* 25. Januar 1776 in Koblenz
+ 29. Januar 1848 in München

Bei dem neugotischen Grabmal für Joseph von Görres handelt es sich um eines der wenigen Beispiele, bei dem sich das ikonographische Programm im Rahmen eines Gemäldes entfaltet. Über einem mit Inschrift versehenen Sockel erhebt sich ein breiterer Aufsatz, in dessen spitzbogiger Blendnische ein Gemälde (heute eine Kopie) hinter Glas eingelassen ist. Vor einem Goldgrund thront die Gottesmutter mit Christuskind auf einer Wolkenbank. Darunter ist linker Hand Joseph von Görres zu sehen. Er ist kniend dargestellt, die Rechte in beteuerndem Gestus auf dem Herzen liegend und seinen Blick zum Himmel gerichtet. Wie in einer Vision erscheint dort die Madonna mit dem segnenden Christuskind auf Wolken. Vor Görres steht der hl. Paulus, der sich auf das Instrument seines Martyriums, ein Schwert, stützt. Das Originalgemälde stammte von Georg Lacher.
Der neugotische Stil des Grabmals, der mittelalterliche Goldgrund des Gemäldes und die Marienikonographie sind eng mit Görres’ Lebenswerk zu verbinden. Joseph von Görres war einer der großen Ideengeber der deutschen Romantik und einflussreicher Publizist der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit seinem Tod verlor die Idee von einem geeinigten deutschen Reich einen ihrer wichtigsten Vordenker. Von 1806 bis 1808 lehrte Görres als Privatdozent in Heidelberg und machte dort die Bekanntschaft von Clemens Brentano und Achim von Arnim. Diese führten ihn, der zunächst ein großer Anhänger der Aufklärung und der Französischen Revolution gewesen war, zu den christlichen Traditionen zurück.
Eine der wichtigsten Wirkungsstätten des Katholiken Görres wurde München. 1827 wurde er als Professor für Literaturgeschichte an die Münchner Universität berufen. Neben Sulpiz Boisserée und August Reichensperger war Görres Initiator des Zentral-Dombau-Vereins zu Köln. Das Grabmal ist in engster Beziehung zum Görresfenster des Kölner Doms zu sehen, das kurz nach Görres’ Tod entstanden ist. Wie jenes reflektiert auch das Grabmalgemälde Görres’ Wende von der Aufklärung hin zu einer tiefen Gläubigkeit. Gleich dem Görresfenster steht es unter dem Zeichen der Marienverehrung, die Görres im Zusammenhang mit dem Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes in zahlreichen Vorträgen thematisierte. Überliefert ist auch, dass ihm auf dem Sterbebett Paulus erschienen ist. In sinniger Weise ist der Apostelfürst deshalb an Görres Seite auf dem Gemälde der Grabstele zu sehen.

Claudia Denk         

Görres
Grabnummer des Friedhofs und Lage: Mauer rechts, Grabnummer 343

Bekannter Architekt des Grabmals: Johann Petz (Grabarchitektur), Georg Lacher (Gemälde, heute Kopie)