Der heute als „Jüdischer Friedhof Königstraße“ bezeichnete Friedhof in Hamburg-Altona besteht aus zwei in der Zeit ihrer aktiven Nutzung von 1611 bis 1869 räumlich benachbarten, aber doch getrennten Einzelfriedhöfen: dem 1611 eingerichteten Friedhof der portugiesischen oder sefardischen Juden und dem 1616 in Nutzung genommenen Friedhof der aschkenasischen oder deutschen Juden. Der knapp 1,9 Hektar große Jüdische Friedhof Altona ist der älteste jüdische Friedhof in Hamburg und der älteste portugiesisch-jüdische Friedhof in Nordeuropa. Von 1611-69 fanden ungefähr 9.000 Bestattungen statt, 7.000 auf dem deutsch-jüdischen Teil, 2.000 auf dem kleineren portugiesisch-jüdischen Areal. Komplett oder in Fragmenten erhalten sind heute noch über 6.000 aschkenasische Steine in hebräischer Sprache und 1.600 sefardische Steine in portugiesisch-spanischer und hebräischer Sprache, davon viele zweisprachig. Nachdem sich im 17. Jahrhundert zwangsgetaufte Juden in den Niederlanden (Amsterdam), Norddeutschland (Hamburg und Glückstadt) sowie, ein halbes Jahrhundert später, in der Neuen Welt (Surinam, Curacao, Jamaika, Barbados etc.) niedergelassen hatten, entwickelte sich eine spezifische sefardische Sepulkralkultur, die sich hinsichtlich ihrer Grabsprache und Grabkunst von der sefardischen Grabkultur ebenso unterscheidet wie von der gleichzeitigen und häufig räumlich benachbarten aschkenasischen Sepulkralkultur. Diese Unterschiede zeigen sich nicht nur in der Wahl des Steinmaterials (zum Beispiel Marmor), in der Ausrichtung des Steines (liegend), in der Form (Grabplatte, Pyramidalstein, Stele oder Sarkophag), sondern vor allem in der üppigen Steindekoration, der kunstvollen Verknüpfung von Text und Dekoration sowie der Verwendung religiöser und nicht-religiöser Symbole. Diese Sepulkralkunst, die zunächst wenig jüdisch erscheint, weist auf einen intensiven Kulturaustausch zwischen assimilierten Juden und katholischen Christen auf der iberischen Halbinsel sowie zwischen kürzlich ins normative Judentum zurückgekehrten Juden und protestantischen Christen in Nordeuropa hin. Die sefardische Grabkultur des 17. Jahrhunderts ist somit vor allem ein Ausdruck einer jüdischen Kunst, in der sich die jüdische Diaspora- bzw. Religionswechselerfahrung widerspiegelt.Trotz etlicher Schäden, die der Hamburger Friedhof infolge des Zweiten Weltkriegs erlitten hat, ist hier eine Vielzahl barocker Grabmale erhalten geblieben, gefertigt aus Obernkirchener Sandstein, zuweilen auch aus Carrara-Marmor. Wegen seines Alters, seiner einzigartigen Grabkunst sowie der bedeutenden Rabbiner, Gelehrten, Wissenschaftler und Kaufleute wurde der Friedhof 1960 unter Denkmalschutz gestellt. (Autor: Michael Studemund-Halévy)
S-Reeperbahn oder S-KönigstraßeBus 112 Fischmarkt, Bus 36 Reeperbahn
Friedhof, Eduard-Duckesz-Haus und Bibliothek April - September Dienstags, Donnerstags 15 - 18 Uhr, Sonntags 14 - 17 Uhr Oktober - März Dienstags, Donnerstags, Sonntags 14 - 17 Uhr Geschlossen an jüdischen und gesetzlichen Feiertagen sowie in den Winterferien
Erläuterungen und Friedhofsplan zum ausdrucken
Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe
in Berlin-Brandenburg
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