Der Nordfriedhof an der Ungererstraße in München wurde in den 1880er Jahren zunächst als Dorffriedhof von der Gemeinde Schwabing angelegt. Als Schwabing 1890 eingemeindet wurde, sollte der ehemalige Dorffriedhof von der Stadt übernommen werden. Noch heute übt der einstige Mythos des Künstlerdorfs eine große Wirkung auf Stadtteil und Friedhof aus. Zahlreiche Künstler fanden und finden auf dem Nordfriedhof ihre letzte Ruhestätte.Unter dem Stadtbaurat Hans Grässel erfuhr der Friedhof zwischen 1896-99 eine künstlerisch anspruchsvolle Umgestaltung, die in den darauffolgenden Jahrzehnten in mehrere Erweiterungen mündete. Mit der Reichsgründung waren die beiden Traditionsfriedhöfe, der Alte Südliche und der Alte Nördliche Friedhof, für die wachsende Einwohnerzahl der Stadt zu klein geworden. Grässel entwickelte deshalb das Konzept großflächiger Friedhofsanlagen in den verschiedenen Himmelsrichtungen. Unter ihnen ist der Nordfriedhof sein frühester. Der Stadtbaurat entsprach mit seinen Planungen den Anforderungen an einen funktionalen Friedhof mit Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden. Zugleich setzte er auf eine neue, Feierlichkeit vermittelnde Architektursprache. Die Hauptgebäude mit ihrer reichen Ausstattung knüpften im Unterschied zu den funktionalen Friedhöfen der Gründerzeit wieder ganz bewusst an die großen Sakralbauten an. Grässel gelang es auf diese Weise, das Sepulkrale wieder mit dem Sakralen zu vereinen. Die reiche Entfaltung christlicher Bildmotive aus dem Alten und Neuen Testament und die Ausgestaltung in Mosaik greifen auf frühchristliche Vorbilder zurück. Angesichts der Kuppel über der oktogonalen Friedhofshalle kommt dem Betrachter San Vitale in Ravenna in den Sinn, einer der berühmtesten Kirchenbauten Justinianischer Zeit.Dies scheint auch Thomas Mann empfunden zu haben, als er seinen „Tod in Venedig“ (1911) am Nordfriedhof beginnen ließ. Eingehend beschreibt er das „byzantinische Bauwerk der Aussegnungshalle“ und die beiden heute verlorenen Sphingen, die als „apokalyptische Tiere“ den Eingang bewachten. Die südländische „Kirche“ löste bei Manns Protagonisten Gustav Aschenbach spontane Reiselust aus. Angesichts des Bauwerks verband sich die Aufbruchsstimmung schnell mit einer unbestimmten Todesahnung. Er brach nach Venedig auf, wo er tiefes Begehren und den Tod finden sollte. Nur wenige Jahre nach seinem Entstehen, sollte sich der Nordfriedhof fest in das literarische Gedächtnis der Kunststadt München einschreiben.(Autorin: Claudia Denk)
U-Bahnlinie U6, Station Nordfriedhof
Nov.-Feb. 8:00 – 17:00 UhrMärz 8:00 – 18:00 UhrApril-Aug. 8:00 – 20:00 UhrSept., Okt. 8:00 – 19:00 Uhr
Erläuterungen und Friedhofsplan zum ausdrucken
Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe
in Berlin-Brandenburg
Gefördert aus Mitteln: